"Konfuzius, der erleuchtete Gelehrte"

Vertiefte Gedanken

 

Dieser Text entspricht meiner Auffassung, wie ich die Hintergründe des Kung-Fu und ihrer Entsprechung in der Chinesischen Philosophie verstehe.

Kung-Fu

Kung-Fu (auch Gong Fu) bedeutet übersetzt in etwa: „kontinuierliches Üben“ oder auch „unter fleissigem Aufwand sich etwas erarbeiten“. Das Kung-Fu ist eine mehrere Jahrtausende alte Kunst der Selbstverteidigung und der Selbstkultivierung.

 

Unser Selbst können wir folgendermassen definieren:

 

- Geist / unser Bewusst-Sein / Wahrnehmung

 

- Seele / unsere Empfindungen / Speicherung des Erfahrenen 

Dies ist natürlich nur eine sehr, sehr oberflächliche Definition von Geist und Seele.

 

Diese beiden Aspekte, die in Wahrheit nicht getrennt sondern eine EINHEIT sind, werden während unserer Zeugung mit dem Körper verbunden, den uns die Erde zur Verfügung stellt. So entsteht das Individuum Mensch mit Körper, Geist und Seele.

 

Gemäss konfuzianischer Ansicht sollten wir uns in der Zeit, die wir auf diesem Planeten verweilen, zu sogenannt „Edlen Menschen“ entwickeln. Es wird davon ausgegangen, dass wir hier auf der Erde mit einem "niederen Geist" geboren werden. Es gilt, diesen zu läutern und uns wieder mit unserem "Höheren Selbst" zu verbinden. Diese Rückverbindung kann

über das Herz hergestellt werden. Richtig angeleitet und umgesetzt, kann uns das Kung-Fu  bei diesem Prozess unter-stützen.

Dao

 

Das Dao ist der Zustand, bevor überhaupt eine Definition im Sinne des Verstandes entwickelt ist. Es ist die Leere, das Potential für alles was möglich ist. Ordnung und Chaos sind noch ungeteilt.

 

Im Kung-Fu lernen wir, frei von Gedanken zu werden, keine starren Absichten zu haben und uns von der Natur und dem Universum, unserem “Höheren Selbst”, führen zu lassen, "es" einfach geschehen zu lassen (Wu Wei). Um das zu erreichen, braucht es fundierte Konzepte, an denen wir uns orientieren können und die über viel Training, natürlich und von alleine ablaufen. 

 

Yin / Yang

 

Nach dem Dao entsteht Yin und Yang. Hier wird die Dualität geboren, wie wir sie auf der Erde Tag für Tag erleben, Ein paar Beispiele:

 

 

Yin Aspekt                       Yang Aspekt

 

Erde                                     Himmel

Seele                                   Geist

 

weiblich                              männlich                                         

 

weich                                   hart

 

langsam                              schnell

 

Nacht                                   Tag

 

Innen                                    Aussen

Mond                                    Sonne

 

 

Unsere Aufgabe im Leben besteht darin, Yin & Yang stetig in Einklang und Harmonie zu bringen. Nicht in Extreme abzugleiten und die Balance aufrecht zu erhalten.

 

Eine vollendete Meisterin / ein vollendeter Meister kann in einem erhöhten Bewusstseinszustand einen Zustand der Einheit und allumfassender Verbundenheit erreichen, so dass sie / er gar nicht mehr unterscheiden braucht.

 

Im Kung-Fu müssen wir stetig auf den physischen Druck angemessen reagieren. Uns nicht zu fest, aber auch nicht zu weich, sondern der Situation entsprechend verhalten und positionieren.

 

 

Obwohl Yin und Yang Partner sind und absolut gleichwertig, gibt es doch Präferenzen, wie dieser gekürzte Leitspruch von Meister Lao Tze aufzeigt:

 

“Der Mensch ist weich und zart, wenn er geboren wird. Wenn er gestorben ist, ist er steif und starr. Das Harte und Starke wird unterliegen, das Weiche und Zarte wird siegen.”

 

Qi

 

Das “Konzept” von Qi ist bei uns in der westlichen Kultur in diesem Sinne nicht bekannt. Darum gibt es in unserer Sprache auch keine genau passende Übersetzung. Wir könnten es als universelle Lebenskraft bezeichnen, die alles umgibt und auch durchdringt. Es existieren unendlich viele Arten von Qi, in jedem Organ, in jeder Pflanze, jedem Planeten, jedem Stein, etc. ist Qi vorhanden.

 

Qi fliesst in unserem physischen Körper und in unserem Meridiansystem. Die Bewegungen und Körperstruktur des Wing-Chun Kung-Fu ist so konzipiert, dass dieses Qi frei und ungehindert in uns fliessen kann. So bleiben wir gesund und geschmeidig.

 

Qi hat auch einen Bezug zu unserem energetischen Sein und erlaubt es uns, Zugang zu unseren Ressourcen und Kraftquellen zu erlangen. Eine Kung-Fu Studentin / ein Kung-Fu Student die/der diese Kunst wirklich und wahrhaftig zu erlernen und vertiefen versucht, wird sich immer mit dem Studium des Qi und dessen Kultivierung auseinandersetzen.

Fluss

 

Alles im Universum ist in stetiger Bewegung und im Wandel. Wenn unser Qi fliesst, fühlen wir uns gesund und ausgeglichen. So lernen wir im Kung-Fu einen stetigen Rhythmus aufrecht zu erhalten. Dieser muss fliessend und wandelbar sein, auch wenn er auf ein Hindernis stösst. Wie auch das Wasser ohne zu zögern um ein Hindernis herum weiter fliesst.

 

Verstand / Gefühl / Meditation


Der Verstand ist sehr wichtig, um diese Welt zu interpretieren und erfassen zu können und um Dinge einzuordnen. Wenn wir geboren werden, entwickeln und erlernen wir den Umgang mit unserem Verstand. Wenn wir sterben, lassen wir den Verstand hier auf der Erde zurück. Er ist im Prinzip ein Werkzeug für uns, das wir scharf und klar einsetzen sollten. Das Problem für uns Menschen besteht darin, das wir über den Verstand keinen Zugang zu unserem "Höheren Selbst" erlangen können, das überfordert die Logik.

Das Gefühl, eng verwandt mit der Intuition, ist die Grundlage des Kung-Fu und überhaupt aller Künste. Wenn wir in der Gefühlsschule, dem Chi-Sao sind, können wir nicht mehr nachdenken. Das heisst, der Verstand tritt in den Hintergrund, wir erleben unser “Fühlendes Selbst” und nicht mehr unser “Denkendes Selbst”. Im Gefühl sind wir näher verbunden mit unserer wahren Natur, unserem “Höheren Selbst”, als wenn wir uns im Verstand aufhalten. Das gleiche Konzept gilt für die Meditation, dort wird ebenfalls versucht, den Denkprozess in den Hintergrund zu verlagern.

Entspannung / Körper / Kraft

 

Die Grundlage um ein fliessendes und freies Chi-Sao zu erlernen, ist die Entspannung und Kontrolle von Körper, Geist und Emotionen. Nur in einem entspannten Zustand, kann das Qi fliessen. Wobei auch hier wieder die richtige Balance von Spannung und Entspannung gefunden werden muss.

 

Natürlich braucht die/der Kung-Fu Adept/in um das Kung-Fu erfolgreich umzusetzen auch einen starken Körper. Die Muskulatur, Sehnen, Organe, etc. müssen über das physische Training stetig gekräftigt werden. Roher Krafteinsatz sollte aber immer vermieden werden zugunsten der technisch perfekten Ausführung der Bewegung.

 

Ego

 

Das Ego gibt uns eine Definition von uns selber und ist für die Entwicklung zum "Edlen Menschen" eine der grössten Herausforderungen. Denn das Ego gaukelt uns vor, dass wir uns als *getrennt" wahrnehmen; von anderen Menschen, von der Natur, dem Universum. Doch wir sind Teil von allem und in Wahrheit nicht getrennt. So werden wir vielleicht "glücklich" wenn wir den Trainingspartner mit unserer Kunst überragen oder "traurig" oder "frustriert", wenn wir unterliegen. Das wird uns so vom Ego diktiert. Hätten wir aber kein Ego, würden wir einfach nur wahrnehmen und nicht beurteilen oder gar verurteilen.

Das Ego hat schon seine Berechtigung während unserem Aufenthalt auf dieser Erde, es muss sich aber wie der Verstand auch, unserem "Höheren Selbst" unterordnen.

Das Ego zu kontrollieren ist eine sehr hohe Kunst, eine weitere Meisterleistung. Man muss es andauernd im Auge behalten und auf seinen Platz verweisen. Während dem Kung-Fu Training wird man sehr oft mit dem eigenen Ego konfrontiert, je achtsamer man damit umgeht, um so besser für die eigene Entwicklung. 

Statue of Confucius, located in Harbin C
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Philipp Müggler, eidg. dipl. Naturheilpraktiker 
Chinesische Heilkunst & Kampfkunst
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